Vergebung als Währung: vom Arthouse-Kino zum Teebeutel
Ein Blogartikel von Joyce Cordus
In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass Vergebung zu einem Thema in preisgekrönten internationalen Filmen und niederländischen Werbespots geworden ist. Diese sollen innerhalb von 30 Sekunden einen Kloß im Hals verursachen. Es ist, als wären „Entschuldigung“, „Kann ich es wieder gutmachen?“ und „Sollen wir noch einmal darüber reden?“ zu wertvollen Aufhängern geworden, die sofort Spannung und Emotionen erzeugen und einen Ausweg aus Konflikten in einer Geschichte bieten. Es ist eine Art narrative Währung.
In Jafar Panahis wunderschönem Arthouse-Film „It Was Just an Accident“ dient der Iran als Kulisse – ein Land, in dem Opposition und Unterdrückung in Wellen zurückkehren. In diesem Kontext hat jede Entscheidung Gewicht. Im Film stellt sich die Frage: Was macht man mit Schaden, Wut und der Versuchung zur Rache? Außerhalb des Films sollte man bedenken, dass Panahi es überhaupt gewagt hat, diesen Film zu drehen! Nicht als Symbol, sondern als etwas, das die eigene Existenz berührt. Der Film zeigt auf wunderschöne Weise, dass die Entscheidung für Vergebung statt Rache keine einfache, nette Lösung ist. Sie hat ihren Preis. Der Film beginnt als Rachethriller, als jemand glaubt, seinen ehemaligen Folterer zu erkennen, und seine Chance ergreift. Doch bald geht es nicht mehr darum, diese Gelegenheit zu ergreifen, sondern um die Frage: Was macht man mit dem Gerechtigkeitssinn, der einen am Leben gehalten hat? Was bleibt von einem übrig, wenn man Rache mit Heilung verwechselt? Panahi bezieht sich in Interviews ausdrücklich darauf und beschreibt seinen Versuch, einen Film zu drehen, in dem es mehr um Vergebung als um Rache geht.
Es geht nicht um eine moralische Lektion, sondern um moralische Spannung. Als Zuschauer kann man sich nicht zurücklehnen, da der Film keine einfache Lösung bietet. Er geht nicht den einfachen Weg und sagt: „Wenn man vergibt, wird alles wieder gut und wir können weitermachen.“ Die Frage lautet nicht „Können wir wieder Freunde sein?“, sondern „Was machen wir mit dem Schaden und unserem Drang nach Rache?“
In Joachim Triers Film „Sentimental Value“, der 2025 den Grand Prix der Filmfestspiele von Cannes gewann, wird Vergebung eher als langsamer Prozess denn als einzelner, entscheidender Moment dargestellt. Das Familiendrama handelt von einem älteren Filmemacher, der nach vielen Jahren versucht, wieder eine Beziehung zu seinen erwachsenen Töchtern aufzubauen. Der „Heilungsprozess“ besteht dabei hauptsächlich aus Missverständnissen, Rückzügen und halbwegs erfolgreichen Versuchen. Vergebung ist hier kein Endpunkt, sondern etwas, das manchmal ganz klein beginnt: ein Gespräch, das nicht sofort entgleist, oder ein Moment, in dem jemand bleibt.
Und dann sind da noch die Werbespots. Letztes Jahr veröffentlichte Schoonenberg, ein bekanntes Hörgerätegeschäft in den Niederlanden, einen Weihnachtswerbespot. Er dreht sich um kleine Momente, in denen Menschen einander zuhören. Diese Momente helfen in einer Zeit der Verhärtung und Polarisierung dabei, wieder eine Verbindung herzustellen. Dazu gehört auch, endlich eine Entschuldigung auszusprechen oder ein Gespräch wieder in Gang zu bringen. Vor fast 10 Jahren kam es zu einem ähnlichen Vorfall, der in einer der Geschichten in der Werbung „Pickwick’s Tea Topics/Take Your Time“ vorkam. Pickwick ist eine bekannte niederländische Teemarke. In dieser Geschichte sucht eine junge Frau eine ehemalige Klassenkameradin auf, um sich bei ihr für das Mobbing in der Vergangenheit zu entschuldigen. Pickwick verkauft jedoch keine Vergebung, sondern ein Ritual: einen Teemoment, in dem man ein sonst vermeidbares Thema ansprechen kann. Der Teebeutel wird so zu einer kleinen Bühne für große Worte. Sehr clever natürlich.
Wird Vergebung zu einem attraktiveren Thema? Vielleicht. Nicht, weil wir alle plötzlich das Licht gesehen haben, sondern weil die Geschichte von Bruch, Verletzlichkeit und Heilung ansprechend ist. Allerdings birgt dies ein großes Risiko: Wenn Vergebung zu einem vorgefertigten Format wird, kann sie zu einem Wohlfühl-Reset werden, zu einer schnellen Lösung, die die Kosten echter Verantwortung umgeht.
Genau deshalb ist ein Vergleich mit Filmen und Werbung interessant. In den oben genannten Filmen ist Vergebung schwierig und anspruchsvoll: Sie erfordert Zeit, ist mit Scham und Zweifeln verbunden und gefährdet manchmal die eigene Sicherheit. Im Gegensatz dazu neigt die moderne Werbung dazu, Vergebung als einen schnellen emotionalen Bogen darzustellen: von der Trennung über Verletzlichkeit bis hin zur herzlichen Versöhnung. Dieser Ansatz ist nicht unbedingt zynisch. Er kann tröstlich sein. Er steht jedoch im Widerspruch zur Realität, in der Vergebung selten so einfach ist.
Wenn Vergebung zu einer Formel wird, besteht die Gefahr, dass sie zu einem schnellen emotionalen Bogen wird: Trennung, Tränen, Entschuldigung, Umarmung, fertig. Das achtsamkeitsbasierte Training in Vergebung (Mindfulness-Based Training in Forgiveness – MBTF) verfolgt einen gegenteiligen Ansatz. Vergebung ist kein Drehbuch, sondern ein Prozess, der nicht erzwungen werden kann. Manchmal ist ein Schritt in Richtung Vergebung verfrüht oder einfach der falsche Schritt. In dem Training üben wir, achtsam mit Ressentiments, Scham und Traurigkeit umzugehen. Wir lernen, Mitgefühl zu haben, das weder schwammig noch grenzenlos ist, sondern achtsam und wahrhaftig. Die vielleicht spannendste Frage hinter all diesen Filmen und Werbespots ist nicht, ob Vergebung „funktioniert”, sondern ob wir bereit sind, zu lernen, wie man sie richtig praktiziert.
Joyce Cordus, 6. Januar 2026
